1. Mai – ein Hoch auf den einträglichen Klassenkampf! Freundschaft!

Heute ist es wieder so weit. Die Rollatoren von Charly Blechas Seniorencombo starten wieder, die städtische Geriatrie zu Wien wird wieder ausgelüftet, jedes Pflegebett, welches nicht niet- und nagelfest ist, wird mit auf die Straßen gezerrt, die alten roten Hadern werden abgestaubt und mit letzter Kraft geschwungen. Genossen, Zeit ist! Freundschaft, ein Hoch dem ersten Mai. Die roten Falken trällern schwachbrüstig und mittlerweile nicht mehr allzu textsicher die Internationale. Seit 128 Jahren wird zum letzten Gefecht gerufen, angesichts des Durchschnittsalters des Publikums zumindest die einzig glaubwürdige Phrase dieses marxistischen Hochamts. Wenn‘s doch endlich das letzte Gefecht wäre, denke ich mir jedes Jahr aufs Neue. Oben auf der Bühne, wie zu den besten Zeiten auf Lenins Mausoleum die Parteispitze, die Vorsitzenden, die Präsidenten, die Arbeiterkämmerer, die Gewerkschafter, die Funktionäre, die roten Pfründebewahrer. 2000 Jahre Privilegienpension hat sich mit roten Servietten bewaffnet, grüßt die Menge der auf den Platz befohlenen Werktätigkeiten. Oben auf der Bühne des obersten Sowjet: Nadelstreif trifft auf Slim Fit, ausgefressen auf aufgeschwemmt, Not auf Elend, Lolek auf Bolek, Krethi auf Plethi. Das diesjährige Motto: Never change a losing team.
Zum Widerstand wird wieder aufgerufen. „Widerstand, Widerstand“ laut in die Menge gerufen. Die neue Bundesregierung mit grammatikalisch nur schwer verdaulichen Sätzen gegeißelt. Leichter verdaulich sind hingegen die Würstel und das Bier. Tausende rote Nelken wurden wieder brutal geopfert, damit das euphorisierte Parteivolk die schwachen Reden optisch aufputzt. Rote Nelken sind nicht umsonst die beliebtesten Grabblumen.
Das Propagandaamt der roten Armee für Arme setzt die erste APA-Meldung ab: „Mehr als 100.000 MenschInnen jubeln GenossIn Christian Kern zu.“ Die ehemaligen Mitarbeiter der SPÖ-Arbeiterzeitung – heute in den ORF-Redaktionen geparkt – können die Teilnehmeranzahl nur gefällig bestätigen und basteln an einem Jubelbeitrag.
Und wahrscheinlich sitzt irgendwo auf Marbella Alfred Gußenbauer, trinkt Barroso mit Barolo samt einem gereimten Trinkspruch auf den einträglichen Klassenkampf. Freundschaft!

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