Das Perpetuum Mobile des Terrors

Tag 1: Ein Terroranschlag vernichtet das Leben von unschuldigen Menschen. Beileidsbekundungen aus den Staatskanzleien werden über die sozialen Netzwerke versandt. Bestürzung und Empörung werden artikuliert, die Toleranz und die Solidarität der Bevölkerung werden beschworen. Die Weltoffenheit des jeweilig vom Terror betroffenen Landes sei stärker als der Tod. Unzählige Profilfotos werden auf Facebook oder Twitter mit Je sui Paris, Je sui Nizza, Wir sind Berlin, Pray for Barcelona verziert. Katzenfotos werden hochgeladen und muten wie der letzte Walzer auf der Titanic an. Der Ausnahmezustand im betroffenen Ort wird ausgerufen.

Tag 2: Die Staats- und Regierungschefs kleiden sich schwarz und treten mit trauriger Miene vor die Kameras, um die unzähligen Toten und Verletzten mit erstickter Stimme zu beklagen. Alle sind sich über die Grausamkeit des Terroraktes einig und bekunden ihre Solidarität. Liebe, Toleranz und Friede werden beschworen. Die Bilder der Täter werden in den Zeitungen veröffentlicht, derweil werden auf Facebook und Twitter noch mehr Katzenfotos hochgeladen.

Tag 3: Die Führer der Religionsgemeinschaften treffen sich zum gemeinsamen Gebet. Die Toleranz und die Solidarität der Religionsanhänger werden beschworen. Ein gemeinsames Manifest für Weltoffenheit und Frieden wird verabschiedet. Politiker aller Lager fordern verschärfte Sicherheitsgesetze, härtere Maßnahmen gegen den Terror müssen ergriffen werden. Es dürfe sich niemals mehr ein Terrorakt wiederholen. Gleichzeitig werden in europäischen Hauptstädten die ersten Gedenkmessen abgehalten. Am Ort des Schreckens werden erste Vorbereitungen für einen Gedenkmarsch getroffen.

Tag 4: Die Katzenbilder auf Facebook werden weniger, auch die „Je sui- und Wir sind-Bilder“ verschwinden allmählich. Das Entsetzen nimmt ab, der erste Schock ist vorbei. Die Staats- und Regierungschef spekulieren auf die rasche Vergesslichkeit und die Kurzlebigkeit des Gedächtnisses. Politiker warnen vor einer Anlassgesetzgebung, fanatische Religionen tragen nicht die Schuld am Terror. Die unerträgliche Hetze im Netz wird beklagt.

Tag 5: Der Terrorakt ist vergessen, der Ausnahmezustand wird aufgehoben. Politiker beklagen sich über die Ausgrenzung einer extremistischen Religion. Derweil planen die Terroristen den nächsten Anschlag!

Und solange Ihr nicht aufwacht, wird sich dieses Perpetuum Mobile des Terrors weiter bewegen!

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