Lieber Jörg – zum 10. Todestag von Jörg Haider

Lieber Jörg,
10 Jahre ist es bald her, dass Dein irdisches Leben auf so tragische und verworrene Weise ein Ende gefunden hat. Knapp 3.500 Tage dreht sich seitdem die kleine Welt in Österreich nach wie vor nur um Dich. Kein Tag vergeht, an dem nicht Dein Name in den Medien genannt wird. Man könnte ja fast den Eindruck gewinnen, dass sich die Angst der Etablierten vor Dir selbst nach Deinem Tod noch vergrößert hat. Es würde Dir auf Deinem Wolkerl ein Schmunzeln abringen, wenn Du wüsstest, dass die von Dir über Jahrzehnte geforderte Zusammenlegung der Sozialversicherungen nun endlich Realität wird. Dass der Inhalt Deines Volksbegehrens „Österreich zuerst“ nun Bestandteil der Gesetzgebung ist, kann Dich nach den jahrelangen Anfeindungen ja nur erheitern. Auch eine große Verwaltungsreform, die den großkoalitionären Mief der letzten Jahrzehnte hinter sich lässt, steht ante portas. Im Übrigen: der amtierende österreichische Bundeskanzler hat im letzten Jahr einen Wahlkampf hingelegt, der mich sehr an Deine Wahlkämpfe in den 90iger Jahren erinnert hat. Dem jetzigen Vizekanzler ist es gelungen Deine ehemalige Partei wieder in die Regierung zu führen. Eine durchaus historische Leistung und ich glaube, Du wärst mit der bisherigen Arbeit beider durchaus zufrieden. Einziger Wehrmutstropfen: In der Hofburg sitzt der mittlerweile in die Jahre gekommene ehemalige Chef der GrünInnen, von Dir einst zärtlich auch als „Chef einer Truppe von Radaubrüdern und Berufsdemonstrierern“ bezeichnet. Was Dich erfreuen wird: Die „Truppe“ gibt es nicht mehr und der einstige Chef hat zumindest bei der letzten Regierungsbildung eine gute Figur gemacht. Übrigens: NEWS, mit denen Du Dich so gerne gematcht hast, die gibt es glaube auch ich nicht mehr. Armin Wolf hingegen schon. Wenn Du irgendwann den Kreisky siehst, erzähl ihm bitteschön nichts vom Zustand seiner Sozialdemokratie, auch wenn es Dir – listig wie Du bist – auf der Zunge liegen möge. Die einstige Breite dieser staatstragenden Partei hat sich auf Slim Fit reduziert, mehr brauche ich nicht zu sagen.
Was sich aber zum Leidwesen aller mittlerweile eingeschlichen hat ist die Tatsache, dass Du offenbar für alles in der Republik verantwortlich bist. Ist das Wetter schlecht, der Haider wars. Gibt es Ernteausfälle, der Haider wars. Bricht sich wer den Haxn, der Haider wars. Bereichern sich ein schwarzer Ex-Landesrat mit seinem schwarzen Ex-Steuerberater, der Haider wars. Geht eine von Dir mit Weitsicht verkaufte Bank pleite, der Haider wars. Sitzt ein von Dir verstoßener Ex-ÖVP-Finanzminister, Du erinnerst Dich, das war der politische Hansi Hinterseer für Arme, samt seiner konvertierten und geldgierigen Entourage von Halbseidenen vor Gericht, eh klar, der Haider wars. Hin und wieder geistert ein ehemaliger Kofferträger von Dir noch in den Medien herum, um sich als großer Mastermind Deiner 35ig-jährigen Karriere zu vermarkten. Also zusammengefasst: Die sich Dir gegenüber immer als mächtig und stark gerierenden Kreaturen sind halt jetzt klein, charakterschwach und feig. Und das tägliche Gebet dieser gescheiterten Emporkömmlinge: der Haider wars. Aber gut, alles was menschlich ist, ist uns ja nicht fremd. Was Dir vielleicht ein müdes Lächeln abringen würde sind dann noch so pfiffige Bassena-Literaten, die Deine sterblichen Überreste einsperren wollen, nachdem sie zu Deinen Lebzeiten sich nicht getraut haben, das Maul aufzureißen. Weniger lustig ist hingegen die Tatsache, dass die auf ewige Rache sinnende Justiz – Du weißt schon, die in Deinem politischen Fadenkreuz gestandenen rot/schwarzen Freunde – Deine unschuldige Familie vor Gericht zerrt. Und skandalös wird es, wenn man unschuldige Wegbegleiter von Dir hinter Gittern mundtot machen möchte. Deinem Freund Westi geht es gerade so. Nach dem Motto: Haiders Freunde und Helfer werden stigmatisiert und verfolgt.
Wie es Kärnten geht: Naja, gerne fahre ich nicht mehr hin. Dank Deiner Amtsnachfolger – parteiübergreifend übrigens – hat Dein so geliebtes und einst großes Kärnten mittlerweile den Charme einer leicht verstaubten Geriatrie. Esprit und Lifestyle fehlt irgendwie, Fadesse hat sich eingeschlichen. Aber zum 10. Oktober komme ich wieder, so wie jedes Jahr und denke an Dich, wie eigentlich jeden Tag. Weil der Tod eine Freundschaft nicht besiegt.
So, das wars einmal fürs Erste. Pfiat Di!

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