Offener Brief an Kardinal Schönborn

S.E.
dem Hochwürdigsten Herrn
Erzbischof Dr. Christoph Kardinal Schönborn
Per Mail

 

Graz, am 12. Mai 2016

Eminenz,
hochwürdigster Herr Kardinal!

Mit großem Interesse habe ich Ihr Interview vom 12. Mai dJ in der Kleinen Zeitung gelesen und möchte meiner Überraschung über das Gesagte Ausdruck verleihen. Dieses Interview ist insofern einzigartig, zumal es ja nicht die vordringlichste und vornehmste Aufgabe einen Erzbischofs ist, urteilend in die österreichische Politik – zumindest verbal – einzugreifen.

Ihr unverbrüchliches Eintreten für den zurückgetretenen Bundeskanzler Werner Faymann sei Ihnen unbenommen, nur ersuche ich Sie zumindest um jene intellektuelle Redlichkeit in der Bewertung des Betroffenen, die Ihr verantwortungsvolles Amt verlangt. Die von Ihnen gewählte Form der Heiligsprechung zu Lebzeiten des Herrn Faymann ist es jedenfalls nicht.

Ihre Äußerungen zum Hypo-Skandal seien Ihnen ebenfalls unbenommen. Aber auch in diesem Fall ersuche ich doch um jenen Restbestand intellektueller Redlichkeit, zumindest Ihr persönliches Urteil für dieses Debakel in jener Form zu finden, in der es auch die dafür tatsächlich zuständige Griss-Kommission und der parlamentarische Untersuchungsausschuss gefunden haben. Die indirekte Schuldzuweisung in Richtung des verstorbenen Kärntner Landeshauptmannes und seiner Gesinnungsgemeinschaften ist jedenfalls falsch, zumal Jörg Haider im Oktober 2008 verstorben ist und diese Bank im Jahr 2009 durch die von Ihnen in den Himmel gelobte „Große Koalition“ zurückgekauft wurde. Als katholischer Christ teile vollinhaltlich Ihren Glauben, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, nur scheint es mir bei allem Glauben unmöglich, dass Jörg Haider posthum – gleichsam vom Himmel aus – in die schändlichen Geschicke der Bundesregierung ein Jahr nach seinem Tod eingegriffen hat.

Abschließend möchte ich Mk 12,17 “Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.” in Erinnerung rufen und darauf hoffen, dass Sie es vor Ihrem nächsten politischen Interview beherzigen mögen.

Mit besten Grüßen

Ihr Gerald Grosz

 

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